minerva79.de - Parapsychologie - Esoterik - mehr Realität

Christliche Evangelien, Briefe, Offenbarungen u. a.

Startseite   Himmel & Erde   Nostradamus   Visionen & Träume   Frühe Schriften   Gefiederte Welt   Meine Bilder

Das Kindheitsevangelium des Thomas aus dem 2. Jahrhundert

 

„Aus der nachneutestamentlichen und altkirchlichen Epoche ist eine 

große Menge literarischer Fälschungen bekannt. Sie gehören bei Weitem nicht alle 

der häretischen [1] Literatur an, sondern konnten genau so gut im orthodoxen [2] Mileu

entstehen und akzeptiert werden ...“ (Falsche Verfasserangaben. Zur Erklärung 

der frühchristlichen Pseudepigrafie [3], 1975, 26f, Norbert Brox, katholischer 

Theologe, Professor für Alte Kirchengeschichte und Patrologie [4].)

Leider ist es seit je her eine der unangenehmen Seiten des Homo sapiens, d. h. dieses vernunftbegabten, einsichtfähigen und weisen Menschen, zu fälschen. Das ist dann gegeben, wenn einer eigenen Leistung die Urheberschaft eines anderen unterstellt wird. Auch das Verfälschen, also das absichtliche Verändern einer Nachricht oder eines bereits existierenden Gegenstandes ist immer wieder praktiziert worden. 

 

So wurden bereits in den ersten drei Jahrhunderten christliche Schriften gefälscht, sei es durch Angabe eines falschen Verfassernamens, durch sonstige Eingriffe in echte oder geänderte Texte oder durch Erfindung bzw. Entstellung von geschichtlichen Ereignissen.

 

Neben den vier Evangelien der Bibel, dem Matthäus-, Markus-, Lukas- und Johannesevangelium, existierten noch viele andere. Mehr als vierzig sind namentlich bekannt, von denen leider ein Teil ganz verloren ging und von anderen sind nur noch Reste übrig.

 

Erhalten sind z. B. noch das Thomas-, Ägypter-, Hebräer-, Nazaräer-, Judas- und Ebioniten-Evangelium, das Geheime Markus Evangelium, das Unbekannte Berliner Evangelium, das Evangelium Veritatis (Wahrheit), das Evangelium nach Petrus, das Evangelium Philippus, das Prot-Evangelium des Jakobus, das Evangelium nach Maria und das Kindheitsevangelium des Thomas.

 

Natürlich, wahr oder nicht wahr, das ist die Frage oder gemildert, wie viel Wahrheit ist in den jeweiligen Evangelien enthalten? Leider sind die verschiedenen Inhalte der Erzählungen oft nicht kompatibel, d. h., sie passen nicht zusammen bzw. sie widersprechen sich, doch ein kleiner geschichtlicher Kern ist vorhanden.

 

Was ist nicht nachweislich alles erdichtet und "ausgeschmückt" worden. Und so sollen auch so genannte fiktive, d. h. die angenommenen oder erdachten Evangelien, nicht ungenannt bleiben, wie z. B. „Pistis Sophia“ (gr. Glaube, Weisheit), „Sophia Jesu Christi, „Dialog des Erlösers“, „Die beiden Bücher des Jeu“ und das „Testamentum Domini nostri Jesu Christi“ [5], eine Kirchenordnung und Apokalypse, die angeblich von den Aposteln Petrus, Matthäus und Johannes geschrieben und unterzeichnet wurde. Die Schrift ist jedoch erst im 4/5. Jahrhundert verfasst worden, also nur ein „hilfreicher“ und „frommer Betrug“ [6], erdacht von Apologeten (Verteidigern) des christlichen Glaubens, frei nach dem Motto „der Zweck heiligt die Mittel“.

 

Leider handelt es sich bei dem untenstehenden „Kindheitsevangelium des Thomas“ auch nur um eine Dichtung, quasi um eine Werbeschrift, die am Ende des 2. Jahrhunderts entstanden sein soll. Der Verfasser Thomas ist nicht identifizierbar. Seine Geschichte weist Parallelen zu Buddha-, Krishna- und Osirislegenden auf, so die Forschung. 

 

So wird im Kindheitsevangelium des Thomas u. a. davon berichtet, dass der kleine Jesus schon sehr aktiv war, sodass er z. B. aus Lehm Spatzen formen konnte, die er anschließend zum Leben erweckte und dass sie davon flogen. Aber den Sohn des Annas, diesen Spielverderber, ließ er auf der Stelle wie einen Baum verdorren, etc., etc. Dieses „Propaganda“-Evangelium soll jedoch weit verbreitet gewesen sein. Es gab eine lateinische-, syrische-, griechische-, äthiopische-, georgische-, hebräische und mehrere slavische Fassungen.

 

Es wäre schön, wenn diese Spiegelungen unseres menschlichen Seins nicht zur Resignation führen oder dazu, dass „die Flinte ins Korn geworfen wird“. Denn unabhängig von unserem Bewusstseinsstand oder vom Grad unserer Entwicklung existiert das empirische [7] Naturgesetz über das Vorhandensein des zweiten Körpers, über die Seele, die des Nachts in andere Bereiche gehen kann und beim Ableben des Menschen den Körper verlässt, um in entsprechenden Sphären weiter zu existieren.

 

Darum „... suchet, und ihr werdet finden ...“ [8] soll der jüdische Prediger Jesus Christus gesagt haben und vielleicht meinte er, suchet ohne Fixierung bzw. Festlegung, denn diese bedeutet oft einen Stillstand der Entwicklung, was auch im Hinblick auf die Freiheit kontraproduktiv, also negativ entgegenwirkend ist - denn wir sind so klein, doch das wahre Sein ist so groß.

 

Das Kindheitsevangelium des Thomas

 

Die Erzählung des israelitischen Philosophen Thomas über die Kindheit 

unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus, berichtet von 

Thomas, dem israelischen Philosophen.

 

1 Ich, Thomas der Israelit, hielt es für angebracht, allen Brüdern aus den Heidenvölkern von der Jugend unseres Herrn Jesus Christus zu berichten und von seinen großen Taten zu erzählen, nachdem er in unserem Land geboren war. So begann es:  

 

Jesus knetet Spatzen aus Lehm und erweckt sie zum Leben

2 Als Jesus fünf Jahre alt war, gab es einmal einen starken Regenschauer. Jesus spielte an einer flachen Stelle am Bach. Er leitete das vorbei­fließende Wasser in kleine Vertiefungen, sammelte es dort und machte es sofort, allein durch sein Wort, ganz klar. Dann knetete er weichen Lehm und modellierte daraus zwölf Spatzen. Es war aber an einem Sabbat und es waren auch noch andere Kinder da, die mit ihm spielten.

 

Als ein Jude sah, was Jesus beim Spielen am Sabbat tat, ging er sofort zu seinem Vater Joseph, und sagte zu ihm: „Dein Sohn spielt am Bach und hat aus Lehm zwölf Spatzen geformt. Dadurch hat er den Sabbat entweiht.“ Joseph lief an die angegebene Stelle. Als er sah, was Jesus gemacht hatte, rief er: „Warum machst du verbotene Dinge am Sabbat?“ Doch Jesus klatschte in die Hände und sagte zu den Spatzen: „Los, fliegt weg.“ Die Spatzen breiteten ihre Flügel aus und flogen laut zwitschernd davon. Die Juden staunten sehr als sie das sahen. Sie gingen hin und erzählten ihren Ältesten, was Jesus getan hatte.  

 

Ein Junge wird getötet, weil er Jesus beim Spiel stört

3 Jesus und der Sohn des Schriftgelehrten Annas spielten zusammen an den Ufern eines Baches. Da nahm der Sohn des Annas einen Weidenzweig und ließ das Wasser aus den kleinen Teichen wieder abfließen, die Jesus angelegt hatte. Als Jesus das sah, wurde er wütend und schrie ihn an: „Du bist ein gemeines Biest, was haben dir die Teiche und das Wasser getan? Du sollst sofort zu einem Baum verdorren, ohne Blätter, ohne Wurzel, ohne Früchte!“ Kaum hatte Jesus das gesagt, da vertrocknete der Junge vollständig. Jesus ging dann einfach nach Hause. Doch die Eltern des Jungen hoben ihr verdorrtes Kind auf und weinten, denn es war ja noch so jung. Sie brachten es zu Joseph und warfen ihm vor: „Schau mal, was dein Sohn für Sachen macht!“

 

Jesus tötet einen Jungen

4 Jesus ging wieder einmal durch das Dorf, als ein Junge angelaufen kam und ihn anrempelte. Er wurde wütend und sagte: „Du sollst deinen Weg nicht weiter gehen!“ Sogleich fiel der Junge um und war tot. Dorfbewohner, die das mit angesehen hatten, wunderten sich: „Woher kommt dieses Kind nur? Jedes seiner Worte wird ja sofort Wirklichkeit!“ Und die Eltern des toten Jungen liefen zu Joseph. Sie machten ihm Vorwürfe und sagten: „Du kannst mit so einem Kind nicht bei uns im Dorf wohnen. Bring ihm doch lieber bei, zu segnen, anstatt zu verfluchen. Denn er bringt unsere Kinder um!“

   

Joseph bemüht sich, Jesus zu erziehen

5 Da rief Joseph seinen Sohn zu sich, nahm ihn sich vor und maßregelte ihn: „Warum tust du so etwas? Die Leute müssen leiden und dann verabscheuen und verfolgen sie uns.“ Jesus sagte zu ihm: „Ich weiß, dass dies nicht deine Worte sind. Dennoch sage ich lieber nichts, weil du es bist. Diese Menschen aber sollen ihrer Strafe nicht entgehen!“ Er hatte es kaum gesagt, da erblindeten die Leute, die ihn beschuldigt hatten.

 

Und alle, die es sahen, bekamen große Furcht. Unschlüssigkeit machte sich breit. Sie sagten über Jesus: „Jedes Wort von ihm, ob gut oder böse, wird sofort Wirklichkeit und Wunder.“ Als Joseph wieder einmal sah, dass Jesus so etwas wiederholte, zog er ihm die Ohren lang. Doch der wurde böse und sagte: „Es reicht jetzt, dass du suchst und nicht findest. Dein Tun hat keinen Sinn. Das war nicht verständig von dir. Du weißt doch, dass ich zu dir gehöre. Mach mich doch nicht unglücklich.“  

 

Der Lehrer Zachäus möchte Jesus unterrichten

6 Den Wortwechsel hörte ein Lehrer mit Namen Zachäus. Er war erstaunt, dass ein Kind so etwas sagte. Einige Tage später suchte er Joseph auf und sagte: „Du hast ein kluges Kind, der Junge hat Verstand. Gib ihn zu mir in die Schule, damit er das Schreiben lernt. Aber ich will ihm nicht nur das Schreiben beibringen, sondern auch viel Wissen und ihn erziehen, damit er weiß, dass man ältere Menschen grüßt, ihnen Achtung entgegenbringt wie dem eigenen Großvater und dass man mit seinem Vater und den anderen Kindern anständig umgeht.“

 

Der Lehrer erläuterte Jesus alle Buchstaben von Alpha bis Omega, einen nach dem anderen. Jesus sah ihn an und sagte: „Wenn du das innere Wesen des Alpha nicht kennst, wie willst du da anderen das Beta erklären? Du bist ein Angeber! Wenn du dich wirklich auskennst, lehre zuerst das Alpha, dann glauben wir dir auch alles über das Beta.“ Dann fing Jesus an, den Lehrer über den ersten Buchstaben auszuforschen, doch der konnte ihm nichts entgegnen. Da sagte Jesus zu Zachäus: „Hör zu, Lehrer, jetzt erkläre ich dir den Aufbau des ersten Buchstabens. Er besteht aus zwei geraden Linien und einem Mittelstrich. Der Mittelstrich geht durch die beiden Geraden hindurch, die oben spitz zusammenlaufen. Drei Linien sind es, die wie im Tanz beieinanderstehen, drei gleich lange Teile hat das Alpha.“  

 

Der Lehrer Zachäus scheitert an Jesus

7 Als der Lehrer diese komplizierte und ausgeklügelte Erläuterung des ersten Buchstabens aus dem Mund des Jungen hörte, wurde er in Anbetracht seiner gelehrten Beweisführung verlegen und sagte zu den anderen Zuhörern: „Ach, ich Unglücksvogel, jetzt bin ich aber in die Enge gedrängt. Da habe ich etwas angerichtet, als ich dieses Kind unterweisen wollte.

 

Nimm ihn bitte wieder mit nach Hause, Joseph. Ich ertrage seinen strengen Blick nicht, auch nicht seine gefühllose Art zu reden. Dieser Junge ist nicht von dieser Welt. Er kann auch Feuer bezwingen. Er ist wohl vor der Gründung der Welt geschaffen worden. Welcher Leib ihn getragen, welcher Mutterschoß ihn ernährt hat, ich weiß es nicht. Ich weiß nicht weiter, Freund, das Kind bringt mich aus der Beherrschung, ich verstehe es nicht. Unglückseliger, ich habe mich geirrt. Ich wollte einen Schüler, doch einen Lehrer habe ich erhalten.

 

Meine Vertrauten! Beschämt bin ich bis auf die Knochen. Ich alter Mensch habe mich von einem Kind bezwingen lassen. Wegen dieses Kindes kann ich nur noch verzagen und in die Grube fahren. Wie soll ich ihm noch ins Gesicht sehen? Wenn alle wissen, dass ein Kind mich belehrt hat, was soll ich da noch erzählen? Was kann ich noch Gescheites über die Linien des ersten Buchstabens erklären? Ich kenne es nicht, Freunde. Ich habe weder Beginn noch den Schluss davon verstanden. So bitte ich dich denn, Bruder Joseph, bring dieses Kind zurück in dein Haus. Dieses Kind ist etwas Großes, ein Engel, ein Gott, dass ich nicht weiß wie ich’s sagen soll.“

 

Jesus rettet die von ihm vorher zur Blindheit verfluchten

8 Die Juden trösteten Zachäus, aber Jesus lachte laut und sagte: „Jetzt soll das Früchte bringen, was du lehrst. Die Leute, welche blind im Herzen sind, sollen sehen können. Ich bin vom Himmel gekommen, um die einen zu verfluchen und andere in den Himmel zu rufen. Der mich gesandt hat, hat es mir so aufgetragen.“ Sofort nach dem er es gesagt hatte, waren alle, die unter seinen Fluch gefallen waren, wieder gesund. Von da an wagte keiner mehr, ihn zu zornig zu machen, um nicht seinen Fluch auf sich zu ziehen und zum Behinderten zu werden.

 

Jesus erweckt seinen Spielgefährten Zenon zum Leben

9 Ein paar Tage später spielte Jesus auf dem Dachgarten des Hauses. Einer von seinen Spielgefährten fiel vom Dach herunter und war tot. Die anderen Kinder rannten davon und Jesus stand allein da. Da kamen die Eltern des toten Kindes und klagten Jesus an. Der sagte: „Ich habe ihn wirklich nicht hinuntergeworfen.“ Die Eltern fingen an, tätlich zu werden.

 

Da sprang Jesus vom Dach herab und stellte sich neben den toten Jungen auf. Er rief: „Zenon!“, so hieß der Junge, „Steh auf und erkläre uns, ob ich dich hinuntergeworfen habe oder nicht?“ Der Junge stand auf und sagte: „Nein, Herr, du hast mich nicht hinuntergeworfen, sondern mich wieder auf die Beine gestellt.“ Als die Leute das sahen, erschraken sie. Die Eltern des Kindes vielen vor Jesus auf die Knie und lobten Gott für das geschehene Wunder.

 

Jesus heilt den Fuß eines Holzhackers 

10 Einige Zeit später war ein junger Mann dabei Holz zu spalten. Die Axt rutschte ihm aus der Hand und spaltete seinen Fuß. Er würde daran verbluten. Die Menschen liefen schreiend zusammen und Jesus rannte auch dorthin. Er bahnte sich einen Weg durch die Menschen, berührte den verletzten Fuß des Mannes und sogleich war dieser geheilt. Jesus sagte zu ihm: „Steh auf, spalte das Holz weiter und denke an mich.“ Als die Menschen das sahen, fielen sie vor Jesus auf die Knie und sagten: „Es ist wahr, in diesem Kind wohnt Gottes Geist.“

 

Jesus bringt seiner Mutter Wasser ohne ein Gefäß

11 Jesus war sechs Jahre alt, als ihn seine Mutter mit einem Gefäß zum Wasserholen schickte. Er trug das Wasser nach Hause und stieß dabei im Gedränge mit dem Krug an, sodass er zerbrach. Da zog Jesus sein Obergewand aus, legte es zusammen, füllte das Wasser hinein und brachte es seiner Mutter. Als sie sah, welches Wunder geschehen war, drückte sie ihn an ihr Herz. Dieses Erlebnis bewahrte sie als Geheimnis.

 

Aus einem Weizenkorn werden hundert Scheffel Weizen

12 Etwas später, zur Zeit der Saat, ging der Knabe mit seinem Vater aus, um Weizen auf ihr Ackerland zu säen. Und als der Vater säte, da säte auch der Jesusknabe ein Weizenkorn. Und als er erntete und die Tenne füllte, brachte er hundert Scheffel ein und er rief alle Armen auf die Tenne und schenkte ihnen den Weizen. Josef nahm, was von dem Weizen übrig blieb. Jesus war acht Jahre alt, als er dieses Zeichen wirkte.

 

Jesus sein Wunder an einem Holzbrett

13 Jesus sein Vater war Zimmermann und stellte zu jener Zeit Pflüge und Joche her. Nun erhielt er von einem Reichen den Auftrag, für ihn ein Bett anzufertigen. Da aber das eine Brett kürzer war als das Gegenstück und Joseph nicht wusste, was er tun sollte, sprach der Knabe Jesus zu seinem Vater Josef: „Lege die beiden Hölzer nieder und mach sie von der Mitte her auf der einen Seite gleich.“ Und Joseph tat, wie es ihm der Junge gesagt hatte.  Jesus aber trat an die andere Seite, fasste das kürzere Holzstück an, streckte es und machte es dem anderen gleich. Und sein Vater Josef sah es und staunte und er umarmte das Kind und küsste es. Dabei sagte er: „Glückselig bin ich, dass mit Gott diesen Knaben geschenkt hat.“

 

Jesus verflucht seinen ohrfeigenden Lehrer

14 Joseph sah, dass Jesus älter, reifer und vernünftiger wurde und so beschloss er noch einmal, dass er das Schreiben lernen sollte. Er ging mit ihm zu einem anderen Lehrer. Dieser sagte zu Joseph: „Ich will ihm erst Griechisch, dann Hebräisch beibringen.“ Der Lehrer hatte von den Kenntnissen des Knaben gehört und fürchtete sich vor ihm. Dennoch schrieb er ihm das Alphabet auf und las es ihm eine ganze Weile immer wieder vor, doch Jesus schwieg.

 

Später sagte Jesus: „Wenn du wirklich Lehrer bist und die Buchstaben genau kennst, dann erkläre mir etwas über die Bedeutung des Alpha. Danach erkläre ich dir dann das Beta.“ Der Lehrer war verletzt und gab Jesus eine Ohrfeige. Da das dem Jungen wehtat, verfluchte er den Lehrer. Der wurde sofort ohnmächtig und fiel auf sein Gesicht. Und Jesus ging wieder nach Hause zu Joseph. Der aber war traurig. Damit die Leute Jesus nicht töteten, ordnete Josef an, dass seine Mutter in nicht mehr vor die Tür lassen sollte.

 

Noch ein Lehrer scheitert an Jesus

15 Eine Zeit später sagte ein anderer Lehrer, ein Freund Josephs: „Bring mir den Jungen in die Schule. Vielleicht kann ich ihm mit guten, liebevollen Worten die Buchstaben beibringen.“ Joseph sagte dann: „Wenn du den Mut hast, Bruder, dann nimm ihn zu dir.“ Mit großer Angst und widerwillig nahm der Lehrer ihn mit. Jesus aber ging gern mit ihm. Keck betrat er die Schule. Auf dem Tisch lag ein Buch, das er in die Hand nahm, aber er las nicht die Buchstaben, die darin standen, sondern machte den Mund auf und lehrte mit der Kraft des Heiligen Geistes.

 

Den Zuhörenden erläuterte er das Gesetz. Viele Menschen strömten zusammen und hörten ihm zu. Sie wunderten sich, weil seine Worte so schön anzuhören waren und staunten über seine Redekunst, weil er doch noch ein Kind war. Als aber Joseph das hörte, war er sehr besorgt und lief schnell zur Schule, da er ahnte, dass auch diesem Lehrer Schlimmes geschehen könnte.

 

Doch dieser sagte zu Joseph: „Ich muss dir was sagen, Bruder. Ich habe diesen Jungen als Schüler angenommen und er ist sehr talentiert und wirklich gescheit. Trotzdem bitte ich dich, Bruder, nimm ihn wieder mit zu dir.“ Jesus lachte den Lehrer an und sagte: „Weil du recht geredet und wahres Zeugnis abgelegt hast, soll der andere Lehrer, den ich verflucht habe, geheilt werden.“ Augenblicklich wurde der andere Lehrer geheilt. Joseph nahm das Kind wieder mit in sein Haus.

 

Jakobus, der Bruder Jesu, wird von ihm geheilt

16 Eines Tages schickte Joseph seinen anderen Sohn Jakobus aus, um Reisig zu sammeln und es nach Hause zu bringen. Jesus war auf dem Weg zu ihm, als Jakobus beim Reisig sammeln von einer Natter gebissen wurde. Er lag schon auf dem Boden und war dem Tode nahe, als Jesus herbeikam und mit seinem Atem auf den Schlangenbiss blies. Der Schmerz hörte direkt auf, das Tier zerplatzte, und Jakobus war sofort wohlauf.

 

Jesus erweckt ein totes Kind

17 In Josephs Nachbarschaft starb etwas später ein krankes Kind. Die Mutter weinte sehr. Als Jesus von der großen Trauer erfuhr und das laute Klagen hörte, lief er sofort hin. Das kleine Kind lag tot da. Er berührte seine Brust und sagte: „Ich sage dir, Kind, du sollst nicht tot sein, sondern lebendig und mit deiner Mutter fortleben.“ Das Kind öffnete sofort die Augen und lachte. Jesus sagte zu der Frau: „Nimm das Kind, gib ihm Milch und vergiss mich nicht.“ Die Umstehenden gerieten ins Staunen als sie das sahen und sagten: „Dieses Kind ist wahrhaft ein Engel Gottes oder Gott, denn jedes seiner Worte ist sogleich Wirklichkeit.“ Jesus aber verließ sie und spielte mit anderen Kindern.

 

Jesus weckt einen toten Bauarbeiter von den Toten auf

18 Als ein Haus errichtet wurde, entstand großer Baulärm. Jesus lief hin, da er gerade in der Nähe war. Da sah er unerwartet einen Toten daliegen. Er ergriff dessen Hand und sagte: „Ich sage dir, Mensch, erhebe dich, tu deine Arbeit.“ Sogleich stand der Mensch auf und betete Jesus an. Die Umstehenden gerieten ins Staunen und sagten: „Dieser Junge kommt vom Himmel. Er hat viele vom Tod errettet und kann sein ganzes Leben lang Menschen retten.“

 

Jesus lehrt als Knabe im Tempel von Jerusalem

19 Jesus war zwölf Jahre alt, da zogen seine Eltern wie jedes Jahr zusammen mit anderen Menschen nach Jerusalem zum Passahfest. Nach den Festtagen reisten sie wieder nach Hause. Sie waren schon unterwegs, als Jesus heimlich nach Jerusalem zurückkehrte. Seine Eltern waren der Meinung, dass er sich den Reisegefährten angeschlossen habe. Sie suchten ihn daher erst am Ende des ersten Tages bei ihren Verwandten und Bekannten. Sie wurden traurig, als sie ihn nicht fanden, und kehrten in die Stadt zurück, um ihn zu suchen. Nach drei Tagen fanden sie ihn im Tempel.

 

Da saß er mitten unter den Lehrern, lauschte deren Ausführungen und stellte ihnen Fragen. Alle wunderten sich, wie dieser Zwölfjährige den Schriftgelehrten und Lehrern des Volkes das Gesetz und die Worte der Propheten erklärte, sodass sie völlig sprachlos waren. Seine Mutter Maria trat auf ihn zu und sagte: „Ach, Kind, warum hast du das getan? Wir suchen dich verzweifelt!“ Jesus erwiderte: „Warum habt ihr mich denn gesucht? Ihr hättet doch wissen müssen, dass ich im Haus meines Vaters bin!“

 

Die Pharisäer und Schriftgelehrten fragten Maria: „Bist du seine Mutter?“ Sie bejahte. Sie sagten zu ihr: „Beglückter bist du als alle anderen Frauen, denn Gott hat dein Kind gesegnet. Eine solche Herrlichkeit, Haltung und Weisheit haben wir noch nie gesehen oder gehört.“ Jesus stand auf, folgte seiner Mutter und ging mit seinen Eltern. Seine Mutter behielt alles in Erinnerung, was sich zugetragen hatte. Jesus aber entwickelte sich. Er wurde immer angesehener, älter und weiser. Ihm gebührt die Herrlichkeit für immer. Amen.

 

(In Anlehnung an den Text nach, Los evangelias apocrifos, Madrid 1963, von A. de Santos Otero)

 

Anlage 1

Maria und Joseph fliehen mit Jesus nach Ägypten

 

Es entstand eine große Unruhe, da Herodes nach dem Herrn Jesus Christus fahnden ließ, um ihn zu töten. Ein Engel sagte zu Joseph: „Nimm Maria und ihr Kind und flieh nach Ägypten vor denen, die ihn suchen, um ihn zu töten.“ Als Jesus nach Ägypten kam, war er zwei Jahre alt.

 

Als er durch ein Feld ging, auf dem gerade ausgesät worden war, streckte er die Hand aus, nahm von den Samenkörnern, legte sie aufs Feuer und röstete sie. Dann begann er zu essen. Als sie nach Ägypten kamen, waren sie zu Gast im Haus einer Witwe und sie blieben dort ein Jahr.

 

Jesus wurde drei Jahre alt und spielte mit anderen Kindern. Er nahm einen getrockneten Fisch und legte ihn in eine Schale. Nun befahl er dem Fisch, mit dem Schwanz zu schlagen. Und der Fisch begann, mit dem Schwanz zu wackeln. Dann sagte er zu dem Fisch: „Wirf das Salz ab, das du an dir hast, und spring wieder ins Wasser.“ So geschah es. Die Nachbarn sahen, was Jesus getan hatte, und gingen zu der Witwe, in deren Haus Maria, die Mutter Jesu, wohnte, und erzählten es ihr. Die Witwe warf Maria aus dem Haus.

 

Ein Lehrer wirft Jesus aus der Stadt  

Als Jesus mit Maria mitten über den Marktplatz einer Stadt ging, sah er einen Lehrer, der seine Schüler unterrichtete. Auf einmal fielen zwölf Spatzen, die sich balgten, an der Wand entlang hinunter genau in den Schoß des Lehrers. Als Jesus das sah, blieb er belustigt stehen und lachte.

 

Der Lehrer sah, dass Jesus lachte, wurde zornig und sagte seinen Schülern: „Geht, bringt mir ihn her.“ Sie zerrten ihn herbei und der Lehrer zog Jesus an den Ohren. Er fragte ihn: „Worüber musstest du denn so lachen?“ Jesus antwortete: „Guter Lehrer, ich hatte einige Weizenkörner. Die habe ich den Spatzen gezeigt und sie ihnen hingeworfen. Immer wenn sie dachten, einer von den anderen wollte eins nehmen, pickten sie es sich heraus. Daraus hat sich der Streit entwickelt.“ Er blieb dann noch so lange stehen, bis das Spiel der Spatzen zu Ende war. Daraufhin sagte der Lehrer, Jesus und seine Mutter sollten die Stadt verlassen.

 

Die Vertreibung Jesu aus Ägypten

Der Engel kam wieder zu Maria und sagte zu ihr: „Nimm dein Kind und kehre in jüdische Land zurück, denn die ihm nach dem Leben trachteten sind tot.“ Maria nahm Jesus und ging in die Stadt Nazareth.

 

Joseph verließ nach dem Tod des Herodes Ägypten und brachte Jesus in die Wüste, bis in Jerusalem Ruhe eingekehrt war und diejenigen, die den Knaben töten wollten, ihm nicht mehr schaden konnten. Joseph dankte Gott, dass er ihm Weisheit geschenkt und er Gnade vor ihm gefunden hatte.

 

(In Anlehnung an den Text nach, Los evangelias apocrifos, Madrid 1963 von A. de Santos Otero)

 

Anlage 2

Jesus und der Färber

Eines Tages spielte Jesus draußen mit anderen Kindern. Da kam er an den Betrieb eines Färbers vorbei, der Salem hieß. In der Werkstatt lagen viele Stoffe, die gefärbt werden sollten. Jesus trat dort ein, nahm alle Stoffe und warf sie in einen mit blauer Farbe gefüllten Kessel. Salem kam hinzu und stellte fest, dass alle Tücher unbrauchbar geworden waren. Er fing laut an zu jammern und beschimpfte den Jesus: „Was hast du mir angetan, Sohn Marias? Du hast mich bei allen Einwohnern der Stadt unmöglich gemacht. Jeder hatte eine bestimmte Färbung bestellt und nun hast du alles verdorben!“ Jesus erwiderte: „Wenn du die Stoffe umgefärbt haben willst, mach ich das gerne.“ Und er zog die Tücher aus dem Kessel in genau der Farbe, wie sie jeder einzelne Kunde gewünscht hatte. Als die Juden dieses wunderbare Zeichen sahen, lobten sie Gott.

 

(Arabisches Kindheitsevangelium in Lateinisch in Evangelia Apocrypha, Konstantin von Tischendorf, Leipzig, 1853, Nachdruck: Hildesheim 1966, 1987)

 

Seitenanfang

a

Anmerkungen:

 

Bild: "Das Gerücht". Teilansicht. Gemälde von Andreas Paul Weber, 1893 - 1980, bedeutender deutscher Lithograf, Zeichner und Maler.

 

[1] Häresie, griechisch Wahl, Auswahl, bezeichnet eine Lehre, die im Widerspruch zur Lehre der katholischen Kirche steht und die beansprucht, selbst die Wahrheit richtiger zu vermitteln. Der Gegenbegriff ist Orthodoxie (Rechtgläubigkeit). 

 

[2] Orthodoxie, griechisch orthos ‚richtig’, ‚geradlinig’, gr. doxa ‚Meinung’, ‚Glaube’ = Rechtgläubigkeit, bezeichnet im allgemeinen die Auslegung einer Lehre, die sich stark an die ursprüngliche Interpretation (Auslegung, Erklärung, Deutung) hält.

 

[3] Pseudepigraphie, griechisch „die Falschzuschreibung“, bezeichnet die Unart einen Text fälschlicherweise einem bekannten Verfasser zuzuschreiben.

 

[4] Patrologie, griechisch pater ‚Vater’, logos ‚Wort’, benennt in der Theologie das Studium des Lebens, der Schriften und der Lehren der Kirchenväter.

 

[5] Testamentum domini nostri Jesu Christi, ist eine wahrscheinlich in Ägypten griechisch verfasste, als syrischer Übersetzung erhaltene Kirchenordnung u. Apokalypse des 4./5. Jahrhunderts. Als Autoren und Unterzeichner werden darin die Apostel Matthäus, Petrus und Johannes genannt. Den Text veröffentlichte Ignatius II. Rahmani, katholischer Patriarch von Antiochien (Mainz 1899).

Auszug aus TRE Theologische Realenzyklopädie, Gerhard Müller, 2002

TD = Testamentum domini nostri Jesu Christi

„Das TD existiert außer in den syrischen Versionen auch in Arabisch und Äthiopisch. Die orientalischen Übersetzungen gehen auf ein griechisches Original zurück... (dto., S. 97) - Das TD setzt sich aus zwei Teilen zusammen, eine Apokalypse (I, 2-14) und einer stark erweiterten Bearbeitung des ‚TA“ (I, 15 – Schluss) ...

 

Die Apokalypse, so nahm man schon bald nach der Veröffentlichung des TD an, dürfte ursprünglich eine selbstständige Schrift gewesen sein.“ (dto., S. 98)

 

„Die literarische Fiktion (Erdachtes, falsche Annahme) des TD steht im Dienst zweier für die Schrift wesentlicher Desiderate (etwas Erwünschtes, Fehlendes): Einmal geht es um die historische Situierung (Lage, Anordnung) eines Offenbarungsgeschehens, nämlich die ‚Mitteilung’ des Testaments Christi an seine Apostel ... Offenbar sind die Apostel Zeugen einer Epiphanie (Erscheinung) Christi. Diese wird nun ganz nach dem Muster neutestamentlicher Epiphaniegeschichten (Erscheinungsgeschichten) geschildert. Auf die in übernatürlicher Weise ergangene Epiphanie (Erscheinung) folgt die angstvolle Reaktion der Apostel: ... Damit sind die Voraussetzungen für das sich im folgenden entwickelnde Gespräch zwischen dem Auferstandenen und seinen Jüngern geschaffen.

 

Die beiden Teile des TD, die Apokalypse und die Kirchenordnung, werden in dem vorgegebenen Duktus (charakteristische Art, Linienführung) des Dialogs (Zwiegespräch) integriert, wobei, wie noch zu zeigen sein wird, der Kompilator (Kompilation, Zusammentragen mehrerer Quellen) des TD nicht immer sorgfältig operiert hat. Der Abschluss des TD (II, 25-27) knüpft literarisch an die Exposition (Ausstellung, Schau) an, auch wird hier ein noch ausstehendes Epiphaniemotiv (Erscheinungsmotiv) eingelöst, nämlich der ... (gr.), hier aus naheliegenden Gründen als Himmelfahrt stilisiert ...

 

Bei den während der Epiphanie (Erscheinung) anwesenden Personen handelt es sich nicht allein um die Apostel; auch drei Frauen sind zugegen, in 1,16 unterbrechen Martha, Maria und Salome den Dialog zwischen Jesus und seinen Aposteln.“ ... „Das gerade Matthäus, Petrus und Johannes als Unterzeichner der Schrift genannt sind, ist kein Zufall. Alle drei gelten als Apostel und Evangelisten zugleich, wobei Petrus für Markus steht ...“ (TRE Theologische Realenzyklopädie, Gerhard Müller, 2002, S. 101-103)

 

[6] Frommer Betrug, lat. pia fraus, bezeichnet eine Täuschung oder Verheimlichung der Wahrheit in vermeintlich guter Absicht, hauptsächlich Volkstäuschung oder Volksverdummung für religiöse Zwecke. „So blieb undurchschaut durch frommen Betrug die Verhehlung“ („inde incepta pia mendacia fraude latebant“). Metamorphosen, („Bücher der Verwandlung“), 9. Buch, Iphis, vom römischen Dichter Ovid, 1. Jh. 

 

[7] Empirisch, gr.-lat., erfahrungsgemäß; aus der Erfahrung, Beobachtung [erwachsenen]; dem Experiment entnommen.

 

[8] „Bittet, dann wird euch gegeben; sucht, dann werdet ihr finden; klopft an, dann wird euch geöffnet.“ (Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, 1980, Matthäus-Evangelium 7:7)  

a

Seitenanfang